Meisterschaftliche Zustände

Welt- und Europameisterschaften bringen, hinter dem schönen Schein von Friede, Freude, Eierkuchen ziemlich eklige Dinge hervor – das ist nicht erst seit der WM im eigenen Lande bekannt. Wenn man jedoch in die Austragungsländer des nächsten großen internationalen Wettbewerbs schaut, so war die Welt damals tatsächlich „zu Gast bei Freunden“:

KIEW dpa | Mit Entsetzen haben internationale Beobachter auf brutale Angriffe auf Homosexuelle in Kiew und die erzwungene Absage der ersten „Gay Parade“ in der Ukraine reagiert. Das Co-Gastgeberland der Fußball-Europameisterschaft 2012 sei noch sehr weit von Europa entfernt, sagten Teilnehmer des Gay Forums in Kiew nach Angaben der Zeitung Kommersant vom Dienstag.

Mehrere maskierte Männer hatten am Sonntag den Organisator der genehmigten Veranstaltung mit Pfefferspray angegriffen und krankenhausreif geprügelt.
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Beobachter wie der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck und die grüne Europa-Parlamentarierin Marije Cornelissen kritisierten, dass die Sicherheitskräfte der Ex-Sowjetrepublik nicht eingegriffen habe.„Vor Ort war viel Polizei – die hat es sich gemütlich gemacht“, sagte die Fraktionschefin der Grünen in Bayern, Lydia Dietrich, der Süddeutschen Zeitung.

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) verurteilte die Übergriffe. Mehrere hundert Nationalisten und Ultra-Orthodoxe hatten sich am Sonntag am Startplatz der geplanten Schwulenparade versammelt, woraufhin der genehmigte Marsch aus Sicherheitsgründen abgesagt wurde.“

(taz)

Der osteuropäische Fußball hat ohne Frage ein Rassismusproblem. In Russlands Stadien kommt es des Öfteren vor, dass Fans Bananen auf dunkelhäutige Spieler werfen oder nationalsozialistische Banner aufhängen, was Verband und Vereine dann nur halbherzig verfolgen.

Auf der Tribüne von Metalist Charkow, in jenem Stadion, in dem die deutsche Elf ihr zweites EM-Spiel gegen Holland bestreitet, bejubeln Anhänger ein Tor schon mal mit dem Hitler-Gruß. In einer Anfang des Jahres von der internationalen Spielergewerkschaft veröffentlichten Umfrage haben zehn Prozent der in Osteuropa beschäftigten Fußballer angegeben, schon einmal Opfer von Rassismus oder einer anderen Diskriminierung geworden zu sein.

Derlei Exzesse gibt es nicht nur im Fußball. Doch wie in anderen Ländern auch zeigen sie sich besonders häufig rund um die Stadien. Daher verwundert es nicht, dass sich kurz vor dem Beginn der EM in Polen und der Ukraine dunkelhäutigen Spieler und Fans Sorgen um ihre Sicherheit machen. Der frühere englische Nationalspieler Sol Campbell hat seine Landsleute kürzlich mit diesen Worten vor einer Reise gen Osten gewarnt: „Riskieren Sie nichts, Sie könnten am Ende in einem Sarg zurückkommen.“

Das mag übertrieben sein. Es ist vor allem auch ignorant gegenüber Problemen in Westeuropa. Keine Lösung ist es aber auch, die Sorgen einfach vom Tisch zu wischen, wie aktuell der ukrainische Uefa-Organisationschef Markijan Lubkiwskij, der sagt: „Um ehrlich zu sein, sehe ich aus Sicht der Uefa keine Gefahr für die Bürger.“ Ende der Debatte.

Wahrscheinlich bleibt den Funktionären jetzt nichts anderes mehr übrig, als so zu reden. Schon bei der Vergabe der EM war das ukrainische Rassismus-Problem bekannt. Die Uefa ignorierte es genauso, wie sie alle anderen heiklen Themen in dem umstrittenen Gastgeberland seitdem ignoriert. Die grassierende Korruption; die Missachtung der Menschenrechte; die schwindende Presse- und Meinungsfreiheit. Als ginge sie das alles nichts an, und als könne sie eh nichts dagegen machen

(Süddeutsche)

Eine passende Antwort liefert indes Balotelli:

Der italienische Fußball-Nationalspieler Mario Balotelli hat die Rassismus-Debatte um die EURO-Gastgeber Polen und Ukraine verschärft. Der 21 Jahre alte Stürmer vom englischen Meister Manchester City drohte fremdenfeindlichen Fans in einem Interview für den Fall, dass sie ihn angingen, mit ultimativer Vergeltung. „Wenn mich jemand auf der Straße mit einer Banane bewirft, werde ich ins Gefängnis gehen müssen, weil ich denjenigen umbringen werde“, sagte Balotelli dem Fachblatt France Football.

Er hoffe zwar, dass es bei der EM (8. Juni bis 1. Juli) keinerlei Probleme mit Rassismus geben werde, ergänzte Balotelli, falls doch werde er allerdings „sofort den Platz verlassen und nach Hause fahren“.

Balotelli, als Sohn ghanaischer Einwanderer in Palermo geboren, war schon mehrfach Ziel rassistischer Attacken – auf und neben dem Platz. Nun berichtete er von einem Vorfall in einer Bar in Rom. „Da waren zwei, drei Jungs, und zum Glück war die Polizei schnell zur Stelle. Denn, ich schwöre, ich hätte sie geschlagen, wirklich zerstört“, sagte er.

Für Balotelli ist Rassismus „nicht akzeptabel. Ich kann es schlicht nicht hinnehmen. Wir leben im Jahr 2012, so etwas darf nicht passieren. Aber wenn du ein starker Spieler bist, suchen sie nunmal Wege, um dich zu verärgern. Sie denken, dass Provokation der einzige Weg ist, um dich zu verletzen.“

(Welt)

Bleibt zu hoffen, dass die EM 2012 wenigstens einen Teil der Missstände aufzeigt, wenngleich sie, als dessen Nährboden, nicht am Grundprinzip von Fremdenfeindlichkeit rütteln wird.
Währenddessen ist man sich in Deutschland übrigens für nichts zu schade, um das Event zu vermarkten: