Früher war alles besser

Ultras sind Nostalgiker. Und zwar von jeher. Früher war alles besser. Das wussten auch schon meine Großeltern. Während die aber vom starken Führer schwärmten, träumen die anderen von „Freiheit“. Wie schön war es doch, als es noch keine Repression, keine hohen Eintrittspreise, bei jedem Spiel Pyro und keine permanente Überwachung gab. Alle waren glücklich. Der moderne Fußball hatte sich noch nicht ausgebreitet. Und da sind sich alle einig. Es gibt kaum Spiele, bei denen kein Banner oder Doppelhalter zu sehen ist, auf dem der kategorische Imperativ der Ultras prangt: „Gegen den modernen Fußball!“. Manchmal schafft man es sogar, das ganze in einer anderen Sprache zu formulieren – oder wurden die Sprüche einfach nur aus dem Ausland übernommen, um Individualität vorzutäuschen? So, wie es mit den meisten Gesängen im Fußball der Fall ist? Aber nein, ich vergaß: copy kills ultra! Kann also gar nicht sein. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Aber ich schweife ab.
Wer genau ist denn nun der moderne Fußball? Der Fußball, der in Mode gekommen ist? Oder der Fußball im Zeitalter der Moderne? Oder anders: Was ist am heutigen Fußball modern? Und was ist schlimm daran?
Fragt man die Protagonisten der Kurven selbst, stößt man in der Regel auf folgende Antworten: gestückelte Spieltage, neue Arenen, Verbote (Stadt-, Stadion-, Zaunfahnen-, …), Kommerz, der Verkauf von Namensrechten, das Verlorengehen von Tradition. Die Personifikation all dessen und somit des Bösen schlechthin ist die TSG Hoffenheim bzw. RB Leipzig. Die bösartigen Clubs, die „unseren“ Fußball zerstören und darum auch militante Protestformen zu deren Bekämpfung rechtfertigen, gar notwendig machen, um „unseren Volkssport“ zu erhalten (mit dem hier das Schauen von Fußball gemeint ist). Da halten auch mal die sonst verfeindetsten Fanszenen zusammen – aber das probte man auch schon bei absurden Ultra-Bündnissen wie Altera oder Profans. Damit man sich insgeheim dennoch gegenseitig den Tod wünschen und beim nächsten mal wieder die „Schädeldecke ein“-schlagen darf, geht das schon mal.
Aber hey, ohne Bullen, ob nun die prügelnden oder die Flügel verleihenden, wäre alles besser und es gäbe keine Probleme. Ist doch klar. Wer Clubs wie RB Leipzig gutheißt, dessen Argumente sind sowieso nichtig. Diese Traditions- und Heimatlosen! Lasst uns lieber weiter von der Vergangenheit träumen, statt die gesellschaftlichen Verhältnisse, auch außerhalb der Stadiongrenzen, zu hinterfragen oder gar an ihnen zu rütteln. Statt der Krankheit an sich bekämpfen wir lieber weiterhin nur deren Symptome und begreifen uns als verdammt revolutionär.
Dass Fußball auch ein Teil der Gesellschaft ist und nicht losgelöst von ihr betrachtet werden kann, legte kürzlich auch cda dar.


1 Antwort auf „Früher war alles besser“


  1. 1 tnb 28. Juni 2011 um 20:33 Uhr

    Zum Thema »Moderner Fußball« gab es im Babelsberger »Herzschlag« mal einen ganz guten Artikel.

    http://de.calameo.com/read/000333456ddf2541bff62 S. 24

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